2014/11/09 - Rückblick auf den Tag von vor fünf Jahren - Teil 2

Unser ungarischer Dominostein bei der Domino-Aktion in Berlin

Wohl alle Schüler, die Deutsch als Fremdsprache lernen, wünschen sich, einmal nach Berlin zu fahren, um das Brandenburger Tor oder das Gebäude des Reichstags mit eigenen Augen zu sehen. Der Traum von uns, vier jungen "Künstlerinnen" aus dem Kossuth-Lajos-Gymnasium Budapest (Erika Illés, Edit Petró, Andrea Rádóczi und Eszter Szántó) wurde erfüllt, als wir vom 7. bis 9. November drei traumhafte Tage in der deutschen Hauptstadt verbringen konnten.

- Aber warum erhielten gerade wir eine Einladung? - haben wir uns gefragt. - Und warum soooo spät? - denn so kurz vor dem Ereignis in Berlin hatten wir keine Hoffnung mehr beim Fall der Dominosteine live dabei zu sein. Die Zeit für eine mögliche Einladung schien längst verstrichen.

Aber dann ging alles ganz-ganz schnell. Nach einer E-Mail aus Berlin nahm unser Deutschlehrer, Herr Heinz Scholl wie wild Kontakt mit Tausend Stellen auf. Nach Rücksprache und grünem Licht von Herrn Gruber von der Deutschen Botschaft führte er pausenlos Telefongespräche, suchte zugleich im Internet nach Flug, Zug, Bus und Unterkunft, bis es um 17 Uhr hieß: "Berlin, wir kommen!". Wir Ungarn sind dabei, und zwar als "Künstlerinnen" und freiwillige Helfer an unserem EIGENEN Dominostein! Und so ging's schon am nächsten Morgen sehr früh los nach Berlin.

In Berlin wurde der 20. Jahrestag des Mauerfalls mit mehr als 1000 Dominosteinen gefeiert, die von Schülern aus der ganzen Welt bemalt worden waren. Und auch wir hatten im Juni beim Besuch des Bundespräsidenten Horst Köhler einen solchen Dominostein bemalen dürfen. Und damals hatten wir die Hoffnung bekommen, im November in Berlin dabei sein zu können.

Schon der erste Kontakt mit Berlin war faszinierend: Unglaublich viele Menschen betrachteten die Dominosteine, die dort aufgestellt waren, wo vor 20 Jahren noch die Berliner Mauer stand. Und einer der schönsten Momente dieser Tage in Berlin kam, als wir zwischen den ungeheuer vielen Dominosteinen unseren eigenen Stein erblickten!

Es war toll zu sehen, dass auch der Dominostein von Ungarn zwischen den Steinen von so vielen anderen Völkern stand und sogar einen wichtigen Platz besetzte. Zunächst haben wir nicht gewusst, dass unser Dominostein als Erster fallen wird, gleichzeitig mit einem von polnischen Schülern bemalten Stein. Denn vor allem die Bewegung "Solidarnosc" in Polen hatte damals politische Veränderungen ermöglicht, und Ungarn ließ als erstes Land DDR-Bürger in den Westen fliehen. Das Öffnen der Grenze mit dem Durchschneiden des Stacheldrahtes haben wir auch auf unserem Stein symbolisch dargestellt. Und so sollte "mit uns Ungarn" das ganze Ereignis vor laufenden Kameras beginnen und die ganze Welt würde dabei zusehen!

In den wenigen freien Stunden zwischen den Proben haben wir uns auch die anderen Steine angesehen und wurden dabei sogar von einer polnischen und einer italienischen Fernsehstation interviewt - natürlich auf Deutsch. Es war interessant zu "verstehen", was der Mauerfall vor 20 Jahren für die Deutschen bedeutete, wie jetzt Deutsche und Menschen aus anderen Ländern darüber denken, und wie dies auf den Steinen dargestellt wurde. Wir zum Beispiel hatten uns entschieden, auf der einen Seiten die Schmerzen und das "Herzbluten" des geteilten Berlins zu zeigen, und auf der anderen Seite das Zusammenwachsen Deutschlands.

Es blieb auch Zeit für eine kleine Stadtrundfahrt mit unseren zwei Begleitern, Zsuzsa Makai-Kis und Heinz Scholl. Wir haben uns den Reichstag, Checkpoint Charlie, Schloss Charlottenburg, den Hauptbahnhof, die Hackerschen Höfe angeschaut. Der Blick von der Kuppel des Reichstages auf das beleuchtete Brandenburger Tor und davor die Mauer aus Dominosteinen war beeindruckend.

Obwohl wir am 9. November mehr als drei Stunden im Regen warten mussten und völlig durchnässt waren, war die Stimmung bei uns Ungarn und den jungen Polen neben uns echt gut. An unseren Steinen trafen wir auf den Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, dem ehemaligen polnischen Arbeiterführer und späteren Staatspräsidenten, und unterhielten uns auch mit unserem damaligen Ministerpräsidenten Miklós Németh. Wir waren sehr stolz darauf, dass wir am 9. November neben unserem Stein standen und sehen konnten, wie Herr Németh und Lech Walesa durch unsere ersten Steine die Dominomauer zum Einsturz brachten. Unvergesslich bleibt für uns das Bild der fallenden Steine und der jubelnden Menschen.

Diese drei Tage, die wir in Berlin verbracht hatten, gehören zu unseren schönsten Erlebnissen.

Andrea Rádóczi

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